Eröffnung der kunstinitiative2017

In Anwesenheit von Kirchenpräsident Dr. Dr. hc Volker Jung wurde am 30. April die kunstinitiative2017 eröffnet. Nach einem Eröffnungsgottesdienst in der Ev. Martinskirche, bei dem den Preisträgerinnen Daniela Kneip Velescu und Lisa Weber sowie dem Preisträger Georg Lutz eine Urkunde ausgehändigt wurde, führte ein Rundgang die etwa 250 Besuchenden zu allen drei kirchlichen Kunststationen.

    

 

 

 

Das Plakat der Kunstinitiative 2017

 

 

Interview mit dem Pfarrer der Ev. Michaelsgemeinde Darmstadt, Manfred Werner

Manfred Werner: Zuallererst möchten wir Frau Velescu gratulieren, dass sie diesen Kunstpreis gewonnen hat. Dem Thema Gnade künstlerisch zu begegnen halten wir für keine leichte Aufgabe. Umso beeindruckter sind wir, dass diese junge Künstlerin sich dieses Themas angenommen hat.

kunstinitiative: Warum gerade zeitgenössische Kunst in Ihrer Kirche?

Manfred Werner: „Zeitgenössische Kunst“ hat in unserer Kirche und in unserer Kirchengemeinde eine lange Tradition. Wir selbst verstehen uns als Kunst und Kulturkirche. D.h. , dass wir uns nicht als „Ausstellungskirche“ für Kunst verstehen, sondern als Dialogpartner, welche die christliche Perspektive auf die Welt mit einer künstlerischen Perspektive in ein Gespräch bringen will. Dieses Gespräch darf gerne „kontrovers“ in der Sache sein. Gleichwohl sind wir überzeugt, dass zeitgenössische Kunst existentielle Tiefen des Menschen berühren kann und somit Menschen für die Antwort Gottes auf die Fragen des Menschen öffnet. Ob dies mit jedem Kunstwerk gelingt, wissen wir nicht. Doch die Chance wollen wir jedem christlich-künstlerischen Dialog in unserer Kirche geben.

kunstinitiative: Was kann die künstlerische Intervention im Kirchenraum bewirken?

Manfred Werner: Wir wünschen Frau Velescu, und auch den Preisrichtern und Preisrichterinnen, dass sie sich freuen, in unserer Kirche diesen künstlerischen Dialog über das Thema Gnade führen zu können. Und wir freuen uns in der Gemeinde, dass Kunstwerk und Künstlerin zu uns kommen. Auch möchten wir uns bei Pfarrer Dr. Zink bedanken, der uns bei diesem Projekt gut begleitet.

kunstinitiative: Welche Erwartungen haben Sie an das Kunstwerk und was erhoffen Sie sich?

Manfred Werner: Was wir uns erhoffen? Viele Besucher, gute Gespräche und bald ein neues Kunstprojekt.

 

 

 

Ein Statement von Anita Gimbel-Blänkle, Pfarrerin der Ev. Stadtkirche Darmstadt

Meine Konfirmand_innen werden im Zeitraum der Ausstellung sehr häufig in der Kirche sein, weil sie ihren Vorstellungsgottesdienst vorbereiten und proben.
Ich bin sehr gespannt, wie gerade die Jugendlichen auf das Thema „Gnade“ und die Umsetzung durch die Preisträgerin Lisa Weber reagieren, eben weil der Begriff „Gnade“ ihnen erst einmal überhaupt nicht mehr geläufig ist. Die Generation ihrer Mütter hat vielleicht noch Ina Deters „Da kenn ich keine Gnade“ im Ohr als Aufforderung, den eigenen Wert als Mensch ernst zu nehmen.
Wie ist Gnade also heute zu übersetzen, umzusetzen, zu be-greifen in einer Zeit, die vor Selbsterlösung nur so strotzt?
Wie empfinden gerade die Jugendlichen die Installation von Lisa Weber im vertrauten Kirchenraum? Ich bin sehr gespannt...

 

 

 

Interview mit dem Pfarrteam der Martin-Luther-Gemeinde Darmstadt, Frank Briesemeister und Tanja Bergelt

kunstinitiative: Warum gerade zeitgenössische Kunst in Ihrer Kirche?

Frank Briesemeister und Tanja Bergelt:
In unserer Gemeinde wurden vor vier Jahren die liturgischen Gegenstände im Altarraum erneuert (Pult, Taufbecken, Kreuz, Kerzenständer, Bibelauflage). Das Künstlerehepaar, das diesen Auftrag übernommen hat, hat mit uns diskutiert, welche Glaubensinhalte wir mit der äußeren Gestaltung der Gegengestände verbinden.

Im letzten Jahr haben wir dann den Andachtsraum der Kirche, der tagsüber geöffnet ist, ebenfalls neu gestaltet und intensive Gespräche geführt, was der Raum ausdrücken und leisten soll. Diese Gespräche, die auch kontrovers waren, haben zu neuen Entdeckungen geführt.

Kunstwerke transportieren Inhalte. Sie möchten Impulse geben und Anregung zur Auseinandersetzung. Damit ermöglichen sie andere Zugänge zum Glauben als Predigt, Gottesdienst, Musik oder diakonisches Engagement. Die Martinskirche ist innen schlicht gehalten und hat eine klare Gestaltung. Sie bietet einen guten Rahmen für eine künstlerische Installation.

Die Martinskirche wurde 1885 erbaut und im Lauf der Jahre baulich und gestalterisch verändert, besonders nach der Zerstörung in der Brandnacht am 11. September 1944. In ihren Gemäuern, der äußerlichen und der inneren Gestaltung, drückt sich der Glaube der jeweiligen Zeit aus. Zeitgenössische Kunst setzt einen Glaubensaspekt der Gegenwart um und ergänzt so die Glaubensgeschichte des Kirchenraums.

kunstinitiative: Was kann die künstlerische Intervention im Kirchenraum bewirken?

Frank Briesemeister und Tanja Bergelt:
Sie verfremdet den Kirchenraum und ermöglicht Menschen somit eine neue Perspektive. Für eine begrenzte Zeit dominiert dieses Kunstwerk den vorderen Kirchenraum. Es lädt ein, nach vorne zu kommen, es anzufassen und zu benutzen. Bestimmt wird das Kunstwerk auch Menschen irritieren. Es hat einen Störfaktor, denn es ist groß und mächtig und alles Geschehen in der Kirche muss sich um dieses herum organisieren.
Aber es fordert auf zur Auseinandersetzung mit den Themen Gnade und Gebet. So bietet es Anregungen und Ausdrucksmöglichkeiten für den persönlichen Glauben und für gottesdienstliches Handeln.

kunstinitiative: Welche Erwartungen haben Sie an das Kunstwerk und was erhoffen Sie sich?

Frank Briesemeister und Tanja Bergelt: Wir sind gespannt auf die Reaktionen der Menschen und hoffen, dass das Kunstwerk als Bereicherung erlebt wird. Es wäre wunderbar, wenn viele Menschen das Kunstwerk wirklich „nutzen“, indem sie die Kerzen, die schon einmal mit Gottvertrauen entzündet wurden und sozusagen Träger von Fürbittgebeten, Dank, Befürchtungen und Wünschen sind, wieder entzünden und mit ihren eigenen Bitten verbinden. So wie die Mauern der Kirche schon von vielen Gebeten zu freudigen und traurigen Anlässen „durchwirkt“ sind und immer wieder neue hinzukommen, so führen auch die Kerzen das Zwiegespräch mit Gott fort und verbinden Menschen unterschiedlicher Orte und Zeiten miteinander.

 

 

 

Kurzinterview mit Daniela Kneip Velescu

kunstinitiative: Woran arbeitest du gerade?

Daniela Kneip Velescu: Einerseits natürlich an der Umsetzung meines Projektvorschlags – bisher existiert diese Installation ja nur in meiner Vorstellung. Durch mein Konzept... (mehr)

 

 

Kurzinterview mit Georg Lutz

kunstinitiative: Woran arbeitest du gerade?

Georg Lutz: Die für Darmstadt entstehende Arbeit ist Teil einer Werkgruppe mit dem Titel „Eden Research“. Diese bearbeitet ethisch-philosophische Grundfragen in der Struktur von Religion und Glaube. Für die einzelnen... (mehr)

 

 

Kurzinterview mit Lisa Weber

kunstinitiative: Woran arbeitest du gerade?

Lisa Weber: Gegenwärtig arbeite ich an der Realisation der Darmstädter Arbeit, einer Videoinstallation für die Stadtkirche, die sich inhaltlich mit einer Erzählung von Ingeborg Bachmann auseinandersetzt. Daneben bereite ich... (mehr)

 

 

Gewinnerinnen und Gewinner stehen fest

Zwei Künstlerinnen und ein Künstler sind von einer Fachjury als Preisträger der  “kunstinitiative2017“ als Sieger ausgewählt worden.

Daniela Kneip Velescu, Georg Lutz und Lisa Weber können damit drei Kirchen mit ihren Ideen zum Thema Gnade ausstatten.

Für die Michaelskirche wird Daniela Kneip Velescu im Innen- und Außenbereich mit textilen Materialien arbeiten. Die 1982 in Rumänien geborene Künstlerin, die in Frankfurt lebt und arbeitet, wird Gnade in humorvoller Weise als spirituelle Energie darstellen, die Menschen verbindet.

Der Stuttgarter Georg Lutz (geb. 1987) wird die Martinskirche mit einer Installation bestücken, die auf verblüffende Weise das Thema Gnade mit Beten verknüpft.

Die Stadtkirche als dritter Ort des Projektes wird eine Videoinstallation von Lisa Weber zeigen. Die 1985 geborene Künstlerin lehrt an der Kunsthochschule Mainz. Ihr Kurzfilmprojekt nähert sich dem Thema über die Frage, wie Menschen sich und andere sehen – und was sie nicht sehen.

Kurzbiographien und Portfolios zu den Künstlerinnen und dem Künstler haben wir Ihnen auf einer eigenen Seite zusammengestellt. Hier kommen Sie mit einem Klick zu dieser Seite.

 

 

Hessen-Nassau schreibt erstmals Kunstpreis aus

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) schreibt erstmals einen Kunstpreis aus.

Die „kunstinitiative2017“ will den Dialog zwischen evangelischer Kirche und bildender Kunst unterstützen und wird zum ersten Mal 2017 vergeben, dem 500. Jahrestag der Reformation. Die Förderung richtet sich insbesondere an junge Kunstschaffende, die mit dem Preisgeld die Möglichkeit erhalten, ein eigenes Projekt in einem Kirchenraum zu verwirklichen.

Nach Worten des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Dr.Volker Jung sind Kunst und Kirche „geistesverwandt“. Beide suchten „nach Sinn“ und versuchten „Grenzen des Verstehens zu überschreiten“. So könnten sie helfen, „die Gesellschaft menschlicher zu machen“. Dr. Jung: „Kunst und Kirche sind sich manchmal aber auch fremd. Doch wenn sie lernen, das Fremde aneinander zu schätzen, können sie sich ergänzen und gegenseitig stärken.“

Mehr als 20 Künstlerinnen und Künstler wurden für die „kunstinitiative2017“ zu einem Wettbewerb eingeladen, um sich in ihren Entwürfen mit dem Kirchenraum und dem Thema „Gnade“ auseinanderzusetzen. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler haben bereits einschlägige Erfahrungen mit künstlerischen Installationen im öffentlichen Raum im In- und Ausland und gelten aus der Sicht eines eigens für den Preis geschaffenen Kuratoriums als junge Experten und Expertinnen ihres Fachs.

Mitte Juli 2016 wurde aus den Entwürfen dann von einer unabhängigen Jury drei Gewinner ausgewählt. Die Preisträgerinnen und Preisträger haben jetzt bis Frühjahr 2017 Zeit, um ihren Entwurf auszuarbeiten. Das Ergebnis wird ab 30. April 2017 in drei evangelischen Kirchen in Darmstadt zu sehen sein, der Michaelskirche, der Martinskirche und der Stadtkirche.

Insgesamt stehen für die Initiative 95.000 Euro bereit.

Die Projektleitung liegt bei Dr. Markus Zink, Referent Kunst und Kirche im Zentrum Verkündigung  und Christian Kaufmann, M.A., Evangelische Akademie Frankfurt.

 

 

Kuratorium der kunstinitiative2017

Im Kuratorium, das die Kunstschaffenden vorgeschlagen hat, sind vertreten:

  • Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin Hessische Kulturstiftung, Kassel
  • Prof. Bernd Kracke, Präsident Hochschule für Gestaltung, Offenbach a.M.
  • Prof. Philippe Pirotte, Rektor Städelschule, Frankfurt a.M.
  • Prof. Ottmar Hörl, Präsident der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg
  • Prof. Anne Berning, Kunsthochschule Mainz
  • Petra von Olschowski, Rektorin Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (bis 2016).

 

 

 

    Das Thema "Gnade"

    Für die kunstinitiative2017 bildet „Gnade“ das thematische Leitmotiv. Der Begriff erscheint vielen Menschen heute altertümlich und sperrig. Doch im kirchlichen Kontext ist er nicht wegzudenken.

    An vielen Stellen der Bibel taucht der Begriff „Gnade“ auf. Für die Reformatoren bildete er einen der theologischen Hauptpunkte. Martin Luther kämpfte schon mit seinen berühmten Wittenberger Thesen gegen die Vorstellung, dass man sich Gottes Liebe durch gute Taten verdienen oder gar mit Geld kaufen könne: „Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ (These 62). „Allein aus Gnade“ werde ein Mensch von Gott angenommen, betonte Luther später immer wieder im Rückgriff auf den Römerbrief des Apostels Paulus (Röm 3,22-24).

    Mit Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517 begann die Reformation, deren fünfhundertjähriges Jubiläum 2017 begangen wird –  ein guter Anlass, um  mit zeitgenössischen Bildwerken nach dem Blick der Gegenwart auf das zentrale Thema zu fragen. Innerhalb der Kirche ist der Begriff „Gnade“ geläufig. Weil er jedoch in anderen Bereichen allenfalls mit juristischen Konnotationen verbunden wird, kann man befürchten, dass er zunehmend an Bedeutung verliert. Oder muss er vielleicht sogar ersetzt werden? Immerhin ist er im Alten Testament mit „Liebe“ synonym.

    Die künstlerischen Arbeiten werden sich kreativ in die Kirchenräume einbringen und
    einen neuen Blick auf alte Räume und einen alten Begriff ermöglichen – und beides verwandeln.